„Haltung“ – eine neue Sau fürs Dorf?

52 Prozent sind in Deutschland der Meinung, Geschäftsführer von Unternehmen müssten sich heute zu wichtigen politischen Ereignissen äußern: Dieses Ergebnis der repräsentativen Umfrage von JP|KOM, Civey und der Quadriga Hochschule aus diesem Jahr 2019 ist überraschend – und es setzt Geschäftsführer und Vorstände gehörig unter Druck. Sie müssen sich die Frage stellen, ob dies nur ein Thema der großen DAX-Unternehmen ist oder ob dies eine Erwartungshaltung ist, mit der sich selbst kleine mittelständische Unternehmen auseinandersetzen müssen.

Tatsächlich ist es ja nichts Neues, dass Unternehmen nicht nur über ihre Leistungen und Produkte wahrgenommen werden, sondern ihr wirtschaftlicher Erfolg zunehmend auch von ihrem Handeln und dem Umgang mit den Interessen ihrer Stakeholder abhängig ist – aber dass ein überwiegender Teil der Gesellschaft findet, Unternehmen und ihre Vertreter an der Spitze müssten zu aktuellen Themen Farbe bekennen, entlässt keine und keinen Unternehmenslenker*in aus der Verpflichtung, in diesem Thema eine Haltung einzunehmen.

Und ja, da ist das Schlagwort dieser Zeit: Haltung! Neben Mut eines der am häufigsten getriggerten Kriterien zur Bewertung guten oder schlechten Handelns in diesen Zeiten des wirtschaftlichen Wandels, den Verwerfungen des politischen Parketts und der gesellschaftlichen Veränderungen. Da wird ein Jo Kaeser, Chef der Siemens AG, zur Leitfigur, nachdem er sich unter anderem klar mit Aussagen gegen Rechtsradikale in den sozialen Medien positioniert. Da beklagt Timotheus Höttges, CEO der Telekom, am Rande einer Messe den Werteverfall in Deutschland und bezieht deutlich Stellung gegen das Erstarken der AFD.

Mit zwei Fragen versuchen Geschäftsführer von klein- und mittelständischen Unternehmen die Relevanz dieses Themas für sich selbst zurückzuweisen: 1. Ist das nicht nur was für die großen Unternehmen und muss ich mich nicht vor allem um die wirtschaftliche Performanz meines Hauses kümmern? Und 2.: Wozu soll ich mich schon äußern?

Diese Fragen haben zweifelsohne ihre Berechtigung, denn welchen Gewinn kann beispielsweise ein Schraubenhersteller aus dem Fränkischen ziehen, wenn er sich zu weltpolitischen Fragen äußert? Aber zugleich ist dies genau der Kulminationspunkt, an dem ein Unternehmen ausgehend von seinem Geschäft im Abgleich mit seinem näheren und weiteren Umfeld seine Positionierung finden muss. Vision und Leitbild, Corporate Governance und die Akteursrolle im gesellschaftlichen Handeln gehören dazu nochmal auf den Prüfstand. Es gilt, eine Haltung in den gesellschaftlichen Fragestellungen zu ermitteln, die auf das eigene Unternehmenshandeln mittelbar oder unmittelbar Einfluss haben könnten.

Getrieben werden muss dies im Übrigen von der Unternehmensführung: Kommunikatoren und strategische Abteilungen arbeiten vorbereitend und als Sparringpartner. Letzteres gilt vor allem auch für die Phase des Haltungzeigens. Fraglos muss nicht jeder Unternehmenschef à la Joe Kaeser twittern oder mit einem Statement die überregionalen Zeitungen zu einer Berichterstattung animieren, aber im Einzelfall könnte sich eine pointierte Haltungsäußerung lohnen. Und vor allem ist das Signal nicht zu unterschätzen, das nach innen ins Unternehmen geht!

Auch Mitarbeiter*innen sind relevante Stakeholder! Tatsächlich wird im Mittelstand häufig dieser Fakt unterschätzt: Interne Kommunikation frisst dort immer noch ein Nischendasein und wird als Pflichtaufgabe (durchaus auch von Personalabteilungen) miterledigt. In Zeiten von Digitalisierung und der massiven Veränderung unserer Arbeitswelt, dem demographischen Wandel mit dem nicht mehr zu übersehenden Fachkräftemangel ist dies allerdings fast fahrlässig.

Unternehmenschefinnen und Unternehmenschefs müssen auch hier ihre Verantwortung in der Rolle unbedingt überdenken: Die Mitarbeiterschaft erwartet heute zu Recht, eine klare Führung. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformation erlaubt keine auf fünf oder gar zehn Jahre unverrückbaren Zielsetzungen mehr, aber umso wichtiger ist die Definition von Unternehmenszweck und -identität, von gesellschaftlichem Nutzen und Unternehmenswerten, die die Mitarbeiter*innen tragen (können).

Damit diese Begriffe sich nicht als Papiertiger entlarven, müssen Geschäftsführer*innen eine aktive Kommunikationsrolle ins Unternehmen hinein übernehmen. Wenn er oder sie nicht persönlich für Handeln und Wandel stehen können, bleibt ihre Glaubwürdigkeit auf der Strecke: Haltung zu zeigen ist also alternativlos! Alles andere gefährdet die Motivationsfähigkeit sowie die Leistungs- und Wandlungsbereitschaft der Mitarbeiterschaft.

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